Die galaktische Turnfee Nereida Drei

Kap. 58: Ein rätselhafter Besuch

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Aus Ingos Sicht. Dienstag. Ein turbulenter, unvergesslicher Tag sollte das werden. Wobei er eigentlich unrühmlich damit begann, dass ich daran dachte, dass ich beim Turnfest schon wieder vergessen hatte, Femke nach ihrem Turnanzug zu fragen. Wieso denn eigentlich? Ich hatte es mir doch fest vorgenommen. Ach ja, da kam ja meine Mutter plötzlich an, und die Gedanken an Femke und ihren hochglänzenden roten Leo-Leo (Leopardenmuster-Leotard) sind in irgendwelche tieferen Gehirnregionen verschoben worden... Aber morgen ist TuFiTa-Tag, da muss es geschehen. Femke, ich komme! Zuerst rief mich Gunda an, dass sie am Vortage tatsächlich einen Auflösungsvertrag bekommen hatte. Sie wurde mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt. Ihr Arbeitsverhältnis wird mit Ablauf der folgenden Woche enden, ihr wird eine großzügige Abfindung gezahlt, alle Überstunden und die drei verbleibenden Urlaubstage sind damit abgegolten. Gunda war froh, dort nicht mehr arbeiten zu müssen. Sie bat mich, bei meiner Firma ein gutes Wort für sie beim Gespräch mit Verantwortlichen über die mögliche Arbeitsstelle einzulegen. Für Paul, den Projektmanager Softwareentwicklung der IT, hatte ich seinen neuen Rechner zusammengestellt und fertig konfiguriert. Ich brachte ihm den PC vorbei und schloss ihn an, wir sprachen locker miteinander. Paul berichtete mir von den konkreten Plänen der Geschäftsführung, zwei weitere Softwareentwickler einzustellen. Die Anzeigen waren am Montag dieser Woche erschienen. Mir fiel Gundas Anliegen ein und erzählte Paul davon. Er fragte mich über Gunda und ihre Fähigkeiten aus. Das Anforderungsprofil der neuen Stellen deckte sich größtenteils mit Gundas Kenntnissen. Paul war sehr aufgeschlossen. Gunda möge eine Onlinebewerbung abschicken und gab mir ein paar Tipps, was sie dort hineinschreiben solle. Zufrieden ging ich zurück in mein Büro und schickte Gunda hierüber eine E-Mail. Dann bekam ich einen Anruf von Beata. Sie meinte, ich solle mir heute Abend nichts vornehmen. Sie kommt um 18 Uhr mit ihrer Schwester Nereida bei mir vorbei. Lisa und Oksana kommen auch. Mehr erwähnte sie nicht. Die hat ja spontane Ideen! Zum Glück hatte ich mir für den Abend nichts vorgenommen. Zuhause aß ich eine Kleinigkeit und räumte das Wohnzimmer auf. Vielleicht wollen sie wieder tanzen? Ich räumte sicherheitshalber den großen Tisch beiseite, so dass wir eine große Fläche frei hatten. Was Beata wohl wollte? Mit all den anderen? Bei mir? Ich konnte mich nicht erinnern, wann Beata das letzte Mal bei mir war. Das war wohl schon sehr lange her. Um sechs Uhr klingelte es an meiner Tür. Die vier Frauen traten ein. Nereida und Beata lächelten geheimnisvoll. "Schönen guten Abend, Ingo!" Lisa und Oksana schauten genau so ahnungslos drein wie ich auch. "Guten Abend, schön, dass ihr da seid", meinte ich. Wir gingen in mein Wohnzimmer. "Nun erzählt mal, was ihr vorhabt", meinte ich. Nereida ergriff das Wort, leicht unsicher und auch etwas aufgeregt. "Also... heute ist der Tag der Ehre gekommen. Ihr drei, Oksana, Lisa und Ingo, sollt geehrt werden." Beata fuhr fort: "Und zwar dafür, dass ihr erfolgreich geholfen habt, mir die Augen zu öffnen und dass ihr mich und meine Schwester Nereida wieder zusammen gebracht habt." Ich war überrascht. "Danke... Und wie soll das geschehen?" "Wir werden gemeinsam tanzen, und wir werden euch ehren", sagte Beata. "Und dafür möchten Bea und ich euch bitten, eure Turnanzüge anzuziehen", forderte Nereida uns auf. "Ingo, magst du dafür bitte in dein Turnzimmer gehen?" "Ja klar, Bea." Ich holte den schönen schwarzen Nereida-III-Turnanzug aus dem Schrank und ging ins Turnzimmer. Dort zog ich ihn an. Das Lycra glitt über meinen Körper, ein schönes Gefühl ist das jedes Mal. Ich bekam eine Gänsehaut. "Ingo, du kannst kommen", hörte ich Lisa rufen. Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, staunte ich. Alle vier Frauen trugen ebenfalls den Nereida-III-Turnanzug! Beata und Nereida trugen Halsketten mit ihrem Amulett. Nereida las meine Gedanken und lächelte. "Ja Ingo, das gab es noch nie, fünf Leute im Raum tragen meinen Turnanzug! Das freut mich sehr!" "Ja, das kommt nur selten vor", meinte Oksana, "aber liebste Nereida, wie geht es denn jetzt weiter?" "Wie schon gesagt, wir wollen euch ehren", begann Nereida. "Allerdings nicht alleine", fügte Beata hinzu, "lasst euch überraschen." "Und nun tanzt mit uns", rief Nereida froh aus. Wir begannen unseren Tanz. Die beiden Schwestern drehten sich, wir machten es nach, tanzten leicht, schwerelos, mühelos! Ich erinnerte mich an Nereidas Worte, wenn zwei Leute in R-Wi-Turnanzügen tanzen, kommt die Leichtigkeit. Nun waren wir zu fünft! Licht umschwärmte uns, mein Zimmer schien zu verschwinden, und Sphärenklänge hüllten uns ein. Auf einmal sahen wir von Nereida und Beata einige Worte in ihrer Muttersprache aufsteigen, die durch den Raum schwebten. "wie sche ra ta ne rei da oh ti na xa na be ja ta kal da bor dei kol la to leb ner me re dill os wie wänn tärr bor dei heeeeer" Die fremdartigen Worte drangen durch alles hindurch. Es klang sehr mysteriös. Beim letzten Wort erzitterte der Raum, und das Licht flackerte stark. Eine Zeitlang passierte nichts. Beata und Nereida tanzten weiter. Dann erschien in der Mitte ein neues Licht, erst klein, dann wuchs es immer größer in die Länge. Dazu klang eine schöne Melodie. Farbiges Licht strömte in die Lichtsäule, eine Kontur wurde sichtbar. Es formte sich ein Körper, mit Kopf, Armen, Beinen. Heraus kam ein Mann, etwa 40 Jahre alt, schlank, etwa so groß wie ich, mit langen schwarzen Haaren und einem verschmitzten Lächeln. Das interessanteste an ihm war seine Kleidung. Er trug blaue blickdichte Strumpfhosen und einen dunkelroten Turnanzug! "R-Wi-alo Nereida, Beata!" rief er gut gelaunt den weiterhin tanzenden Schwestern zu. "Und seid gegrüßt, liebe Erdenbewohner." Ich lächelte zurück. Oksana und Lisa genauso. Wir kamen gar nicht dazu, irgendwas zu sagen. Denn Nereida tanzte um ihn herum und rief "R-Wi-alo Kollato, willkommen auf der Erde!" Auch Beata begrüßte ihn tänzelnd. Er erwiderte ihren Tanz, indem er ebenfalls um Nereida und um Beata tanzte. Aber so leichtfüßig habe ich noch nie einen Mann tanzen sehen! Und auch im Turnanzug! Beata stellte uns den Ankömmling vor: "Dies ist Kollato. Er kommt auch von R-Wi, so wie Nereida und ich." Nereida fuhr fort: "Kollato wird die Ehrung vornehmen, aber das wird er euch selber erzählen." Kollato wandte sich uns zu. "Liebe Erdenbewohner, Beata hat mich ja schon namentlich vorgestellt. Ich bin Kollato, ein Arbeitskollege von Beata und Nereida von R-Wi. Wir drei und noch ein paar mehr lauschen in die Galaxien und gehen dorthin, wo man unsere Hilfe braucht. Zu euch dreien ist Nereida gereist. Wie ich mit Freuden sehe, habt ihr ihr Geschenk an." "Ja, dein Turnanzug ist ein schönes Geschenk, danke Nereida!" rief Oksana. Lisa meinte: "Es macht Spaß, darin zu tanzen und zu turnen. Klasse, liebe Turnfee!" "Und ich fühle mich darin einfach wohl", meinte ich. Nereida strahlte. Kollato lächelte. "Die Tanzfreude und Turnanzüge zu verbreiten ist unsere Mission. Und Nereida hat sie bestens erfüllt, sehe ich." Nereidas Augen leuchteten. "Ja, das ist ein Herzensanliegen von mir." Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Halt! Wir haben ihn ja noch gar nicht richtig begrüßt! Weiß Kollato überhaupt, wer wir sind? Wird wohl so sein, dass Bea und Nereida ihm alles berichtet haben, aber lieber einmal mehr begrüßen als gar nicht. Ich schaute ihn an und wies auf Lisa und Oksana. "Hallo Kollato, schön, dass du gekommen bist. Darf ich übrigens vorstellen, das ist Lisa hier links, und Oksana hier rechts. Und ich bin Ingo. Freut mich, dich kennen zu lernen." Oksana und Lisa begrüßten ihn ebenfalls. "Danke Ingo, Lisa und Oksana für die Vorstellung, freut mich, euch persönlich kennen zu lernen. Nereida und Beata haben mich schon vorab darüber informiert." Weiter hatte ich die Tage schon länger über eine Sache nachgedacht, die ich nicht verstand und wandte mich an Kollato. "Sag mal Kollato, wie kam es eigentlich, dass aus Tabea Beata wurde? Ich verstehe das nicht." "Zuerst musst du jedoch wissen, wie aus Beata Tabea wurde. Das kann dir Beata aber besser und genauer erzählen als ich." Beata stammelte ein bisschen, peinlich berührt: "Ich, äh..., hatte das euch dreien noch gar nicht berichtet?" Nereida lächelte. "Mir hattest du es erzählt, liebe Schwester." "Ja stimmt, ich hatte es tatsächlich nur Nereida berichtet. Tut mir leid, dass ich euch das noch gar nicht erzählt habe." Dann schilderte Beata uns kurz, wie sie auf die Erde kam und dann als Tabea 24 Jahre lebte. Sie kam bis zu dem Zeitpunkt, als Tabea auf dem Flohmarkt das Amulett angefasst hatte. "So war das also, ich verstehe nun", meinte ich, "und ihr auf R-Wi habt es gespürt?" Kollato lächelte. "Richtig. Ich war es, der das Signal über Galaxien hinweg spürte, als das Amulett von Tinaxana Beata auf eurem Marktplatz angefasst wurde. Und ich erkannte die große Bedeutung. Ich verständigte sogleich Nereida. Aber ich wusste damals nicht, dass es Tabea Drey war, die das Amulett angefasst hatte." "Und ich reiste dann frohgemut zur Quelle des Signals, also zum Marktplatz von Obertupfingen auf die Erde, und war anfangs bitter enttäuscht, da ich meine Schwester nicht fand", ergänzte Nereida, "aber ihr, Oksana, Lisa, Ingo, habt zu mir gehalten und mir erfolgreich geholfen. Mir und Beata." Beata strahlte: "Und dafür wollen wir euch heute und jetzt danke sagen und euch ehren. Mit unserem Tanz. Wir tanzen für euch, und wir würden uns riesig freuen, wenn ihr genauso mitmacht." Oksana, Lisa und ich schauten einander an, dann zu den dreien, und lächelten. "Und darum bin ich gekommen", meinte Kollato, "lasst uns miteinander tanzen. Tanzt mit mir, macht euch keine Sorgen, ob es richtig ist. Mit uns ist es immer richtig." Ist schon eine urige Vorstellung. Deine Geliebte, eine liebe Freundin und du tanzen in deinem Wohnzimmer zusammen mit drei Außerirdischen, und du weißt nicht, was die Außerirdischen vorhaben, außer dich und die anderen ehren zu wollen. Wie wollen sie uns tanzend ehren? Bekommen wir alle einem neuen Turnanzug mit Ehrenabzeichen? Lisa und Oksana guckten einander ahnungslos an. Sie konnten sich auch keinen Reim darauf machen, was sie wohl erwartet. Kollato begann mit dem Tanz, gleichzeitig mit den Schwestern. Ich habe noch nie drei Leute so exakt synchron tanzen sehen. Sie lächelten verschmitzt, geheimnisvoll. Lisa, Oksana und ich machten etwas ungelenk mit. Ruhige Klänge kamen auf. Zum Glück hatten wir genügend Platz. Beata, Nereida und Kollato tänzelten um uns, bildeten ein Dreieck, und wir mittendrin. Gut gelaunt bewegten wir unsere Körper wie eine Welle, ließen die Arme schwingen, drehten uns. Die von Nereidas Tänzen bekannten Lichtbänder erschienen, unsere sichtbare Tanzenergie. Nur waren sie diesmal viel intensiver. Alle drehten sich noch schneller, wir fühlten uns voller Schwung. Nereida, Beata und Kollato lächelten, wir auch. Bündel von Licht umschwärmten uns, mein Zimmer verschwamm, wir alle wurden unheimlich leicht. So kam ich mir auch vor, als Nereida mir einst den Nereida-III-Turnanzug tanzte. Mir war, als ob die Farbe aus meinem Körper strömte. Auch Lisa, Oksana und die drei anderen wurden farblos und grell wie ein Lichtbündel. Mein Zimmer gab es nicht mehr, auch kein Oben oder Unten, kein rechts oder links. Die anderen verschwanden komplett vor meinen Augen, ich nahm meinen Körper nicht mehr wahr, konnte plötzlich nichts mehr sehen, hören, riechen, fühlen, sagen! Alle meine Sinneswahrnehmungen waren weg! Ich verlor mein Zeitgefühl. Ich konnte nur noch denken. Ich war ein Geist. Ich war ein Gedanke. Was ist das hier? Ist das der Himmel? Ist das das Jenseits? Bin ich tot? Ist das die Ewigkeit? Oder ein Nichts? Ihr fünf, wo seid ihr? Hier. Sechs Gedanken im Nichts. Tiefer Friede. Geborgenheit. Erfüllung. Klarheit. Freiheit. Seligkeit. Unendlichkeit. Ein Lichtstrahl. Viele Lichtstrahlen. Das Licht umfing mich. Die Farben tränkten mich. Die Energie kehrte zurück. Ich hörte die Sphärenklänge. Meine Sinne wurden erneut aktiv. Vor meinen Augen formte sich eine verschwommene Welt. Ich begann ganz leicht meinen Körper wieder zu spüren. Ich wurde schwerer. Ich nahm meinen Körper, meine Füße nun wahr. Ich merkte, wie ich tanzte. Und sah die anderen verschwommen auch tanzen. Und wir waren in so etwas wie in einem großen Raum. Aber das war nicht mein Wohnzimmer! Nereida, Beata und Kollato tänzelten vor uns. Nun sah ich wieder klar! Und war höchst verblüfft: Die drei sahen nun irgendwie anders aus als eben noch, blieben stehen und schauten uns lächelnd an. Nereida, mit nun langen roten Haaren statt dunkelblond, sehr bleicher, fast weißer Haut- und Gesichtsfarbe und im blauen Turnanzug mit drei Streifen und mit roter Leggings, wie die beiden anderen auch, trat einen Schritt vor und blieb vor uns stehen. Sie strahlte und begrüßte uns, mit einer deutlich helleren Stimme als sonst, würdevoll und feierlich: "Liebe Oksana, liebe Lisa, lieber Ingo, herzlich willkommen in meiner, Beatas und Kollatos Welt. Willkommen auf R-Wi."


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