Die galaktische Turnfee Nereida Drei

Kap. 62: In Nereidas Haus

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Aus Ingos Sicht. Wir tanzten wieder den Verschiebetanz, und nach wenigen Augenblicken standen wir in einem geschlossenen dunklem Raum mit einer Tür und zwei Fenstern. "Willkommen bei mir daheim!" rief Nereida, "wartet, ich mache Licht!" Sie vollführte einen kurzen Tanz, und die Decke begann sachte zu leuchten. Wir schauten uns in dem doch recht großen Raum um. Hier wohnt also die galaktische Turnfee Nereida Drei! Ihr Haus hatte nur diesen einen großen Raum, der nicht in einzelne Zimmer unterteilt war. Es gab keinen Keller, keine Obergeschosse. Der Raum war eigentlich ziemlich leer, und was drinnen war, mutete spartanisch an. Ein Bett stand darin, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank, ein Spiegel, aber ansonsten viel Platz. Und es hingen Bilder an den Wänden. Nereida besaß keine Küche, kein Badezimmer, keine Dusche oder Badewanne, keine Vorratskammer. Auch schien es bei ihr keinen Fernseher, keinen Computer, überhaupt keine elektronischen oder elektrischen Geräte zu geben. Auch Steckdosen sah ich keine. Sehr schlicht, aber sehr akkurat und aufgeräumt. "Nun bin ich auch mal bei dir zu Hause, liebe Nereida", sagte ich. Lisa schaute sich um und dachte: Schon wieder alles nur Plastik. Kein Holz. Sie sah nachdenklich, fast missmutig aus. Nereida, Beata und Kollato waren von meinem Satz abgelenkt und hörten Lisa deshalb nicht. "Ja, Ingo. Wie gefällt dir mein Haus?" "Es ist hübsch. Aber du hast sehr wenig Möbel, wenig Gegenstände." "Ich brauche auch nicht so viel. Hauptsache, viel Platz zum Tanzen und Turnen." "Aber ich finde es trotzdem sehr nett, und vor allem geräumig", bekannte Oksana. "Oh, das ist herrlich, dass du es magst, meine Liebste." "Ja. Und im Schrank dort, sind da deine Turnanzüge?" "Hey, ohne hineinzuschauen - du hast recht! Und ein paar Leggings." "Du hast ja gar keine Küche, Nereida", bemerkte ich. "Die brauche ich nicht, weil wir Bewohner von R-Wi nicht essen. Wir haben in unserer Sprache noch nicht mal ein Wort dafür. Wir können auch nicht schmecken. Wozu auch, da wir ja nie etwas in den Mund tun oder gar hinunter schlucken." Ich war verblüfft, dass jemand leben kann, ohne jemals zu essen. "Und darum hast du auch keine Vorratskammer, oder?" "Genau." Lisa bemerkte erstaunt: "Ein Badezimmer mit Wanne oder Dusche vermisse ich hier bei dir, Nereida." "Auch das brauchen wir hier nicht. Ich weiß auch erst, seitdem ich bei Oksana wohne, was das überhaupt ist, und wozu ihr das braucht. So was kennt hier niemand." Beata ergänzte: "Wir R-Wi-i können nicht riechen, im Gegensatz zu euch Menschen. Vielleicht konnten wir es früher mal, da wir ja immer noch einen da Stummel haben, wo ihr eure Nasen habt." Da wurde mir erst bewusst, dass ich noch gar keine Geruchserfahrung auf R-Wi gemacht hatte. Oksana, Lisa und ich fassten uns beide auf die Stelle, wo die Nase ist. Wir waren verdutzt. So genau hatten wir uns doch noch nicht untersucht. Lisa schaute sich dann weiter um, stieß plötzlich einen spitzen Schrei aus. Wir schauten alle schnell zu Lisa und was sie so erschreckt hatte. Lisa hatte Nereidas großen Spiegel entdeckt, und darin ihr Spiegelbild. "Schaut mal, das bin ja ich! So sehe ich aus!" Eine große, bleiche, schlanke, rothaarige R-Wi-a im violetten Turnanzug mit zwei goldenen Kreisen blickte Lisa entgegen, die synchron das tat, was Lisa machte. Nämlich verschreckt gucken und die Arme abwehrend vor den Körper halten. "Ja, du bist jetzt eine R-Wi-a, Lisa", meinte Nereida. "Zumindest bist du im Körper einer R-Wi-a", präzisierte Beata Nereidas Aussage. "Ich hatte zwar euch schon gesehen, aber nicht mich und mein Gesicht. Was bin ich weiß und hager!" "Ja, das sind wir R-Wi-i alle", bestätigte Nereida. "Und warum?" Lisa drehte sich zu uns. "Unsere Sonne ist recht weit weg und nicht so kräftig wie eure Sonne. Uns erreicht lange nicht so viel Licht wie auf der Erde, darum sind wir so hellhäutig" erklärte Kollato. "Und hager sind wir, weil wir hier so viel tanzen. Es gibt keine dicken R-Wi-i", ergänzte Beata. Lisa sagte nichts. Sie schaute kurz in den Spiegel, drehte sich aber erschreckt und angewidert wieder um. Leise sprach sie zu mir: "Ingo, ich komme mir vor wie in einer Geisterbahn, mit mir als Gespenst." "Das geht wieder vorbei, Schatz, lächele und denke an mich." "Danke Schatz." Ich sah auch skeptisch hinein. Ich musste kurz schlucken, als ich mich sah. Wie ungewohnt. Bleich und schwarzhaarig. Oksana machte es von vornherein besser. Sie lächelte und schaute dann in den Spiegel. Ihr Spiegelbild, eine lebenslustige fröhliche R-Wi-a, lächelte auch. Sie war auch auf der Erde etwas blass, und so machte ihr das hier nichts aus. Ihr langes rotes Haar ruhte auf ihren Schultern, ihr violetter Turnanzug glitzerte, und sie bewegte sich elegant, wie ein Fotomodell. "Also ich gefalle mir so", meinte sie gut gelaunt. Eine strahlende Nereida tauchte im Spiegelbild neben ihr auf. "Oh klasse, liebste Freundin, du gibst auch eine echt attraktive R-Wi-a ab!" Die beiden umarmten einander. Ich betrachtete währenddessen das große Wandbild. Als ich näher herantrat, begann es sachte zu leuchten. Beata schaute mir zu. "Guck mal, Bea, die R-Wi-a auf dem Bild könntest du sein." "Ja, das stimmt sogar. Das bin ich, besser gesagt, das war ich, als ich 16 Jahre alt war", bestätigte Beata. Auch R-Wi-i altern, aber nicht so deutlich wie wir Menschen. Dennoch erkannte ich einen Unterschied zu der jetzt 40-jährigen Beata. "Ingo, das Bild kann übrigens zu dir sprechen. Schau es an und beschreibe mit deinen beiden Armen einen Kreis." Ich bewegte meine Arme, wie Beata gesagt hatte, aber ich hörte nichts. "Es klappt nicht." Beata stellte sich davor, zeigte die Armbewegung erneut. "Mach es so wie ich." Ein weiteres Mal probierte ich es. In Gedanken vernahm ich auf einmal: Ke-res-te-ses, ich freue mich, bei dir zu sein. Das erzählte ich Beata. Sie meinte: "Klasse, du hast es richtig verstanden. Du kannst aber auch die Arme senkrecht nach oben strecken, dann klappt es auch." Auch das funktionierte. Unser Gestikulieren vor dem Bild machte Nereida auf uns aufmerksam. Sie kam zu uns beiden. "Ja, Ingo, das war meine einzige bildliche und gedankliche Erinnerung an meine Schwester für 24 lange Jahre." "Nereida, dann brauchst du ja jetzt ein neues Bild von Bea. Mit einer neuen Nachricht." Sie war verblüfft, denn daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie ernüchterte aber sogleich. "Leider kann ich keine Wandbilder ertanzen. Und Bea auch nicht. Leider kann das nicht jeder, mir fällt keiner ein, der das kann." "Frag doch mal mich, Nereida." Wir drehten uns um. Kollato kam an und lächelte. "Du kannst das, Kollato? Das wusste ich ja noch gar nicht", meinte Nereida erstaunt. "Ich kann es auch erst seit vorgestern. Mein Bruder Ursibo hat mir den Tanz da beigebracht." "Oh, machst du das für mich, bitte? Eins von Bea und mir und von meinen irdischen Freunden? Neben dem großen Bea-Bild, etwa halb so groß?" "Ja, gern. Stellt euch mal nebeneinander an der noch leeren Wand auf." Wir taten wie geheißen. "Nun geht der Tanz los. Ihr müsst leider mal stehen bleiben." Kollato begann sich zu drehen. Er vollführte wilde Bewegungen und Schritte. Eine leere Leinwand formte sich hinter uns an der Wand. Eine helle Lichtwand baute sich zwischen ihm und uns auf. Er streckte die Arme hoch. Die Lichtwand gehorchte ihm und folgte seinen Armbewegungen. "Schaut zur Lichtwand. Freut euch an diesem schönen Tag. Ins Bild werden gleich für einen Augenblick eure Gedanken übertragen. Denkt nun etwas Schönes für Nereida, ... ab ... jetzt!", rief er hinter der Wand. Alle strahlten wir, dachten einen lieben Gruß für die Turnfee. Plötzlich schoss die Lichtwand so rasend schnell auf uns zu, so dass wir gar nicht reagieren oder blinzeln konnten. Sie überrollte uns und bewegte sich anschließend zurück, blieb zwischen uns und Kollato stehen. "Nun könnt ihr zu mir kommen. Kommt ums Bild herum." Als wir bei Kollato standen, sahen wir das 'Standbild' im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Schnappschuss von uns allen, der im Raum schwebte. Eine Fotografie a la R-Wi. "Sieht ja toll aus" war der einhellige Kommentar. "Dann werde ich es mit der Leinwand verschmelzen", sagte Kollato. Er tanzte und führte berührungslos die Lichtwand zur Leinwand. Ein paar Armbewegungen von ihm, und das Wandbild war fertig! Nereida war entzückt! "Ganz toll, Kollato!" Echt lichtstarke Farben. Unsere Turnanzüge und Leggings leuchteten fast! Sie tanzte vor Freude, wir tanzten mit, durch den ganzen Raum. Ich näherte mich dem neuen Wandbild. Mit Beatas Trick konnte ich die Gedanken der 'fotografierten' Leute lesen. Nereida dachte bloß enthusiastisch: Jaaa! Jaaa! Jaaa! Jaaa! Von Bea kam: Liebste Schwester, ich bin endlich wieder daaaaaa! Oksana dachte: Alles Gute für dich, meine geliebte Turnfee! Mein Anteil: Nereida, ich freue mich, dass ich hier bei dir sein kann. Bei Lisa Gedanken musste ich schmunzeln, sie dachte ungläubig: Häh? Wie soll das denn funktionieren? Na gut. Hallo liebe N... Sie kam leider nur bis zu dieser Stelle, bis die Lichtwand sie und uns überrollte. Mich wunderte, dass Nereida das nicht beanstandete. Oder sie hatte es noch gar nicht bemerkt. "Hey Nereida, solch ein Bild brauchen unsere Eltern auch", meinte Beata. "Ja, Beata-ke-re-ses! Aber wir müssten dahin reisen." "Und dann können wir ihnen gleich unsere Freunde vorstellen." "Das machen wir." "Ich freue mich auf deine Eltern, Nereida", meinte Oksana lächelnd. "Sie sind auch bestimmt gespannt auf dich, liebste Freundin! Es ist nicht weit von hier. Und du, Kollato musst mitkommen, du bist unser Wandbild-Tänzer." bestimmte Nereida. "Aber gern", lächelte er. "Ich sage unseren Eltern Bescheid", meinte Beata. Beata dachte an ihre Mutter: Liebe Ama Dorisanda, ich möchte dich mit Nereida besuchen, und möchte dir vier Freunde vorstellen! Dorisanda: Komm ruhig, Beata, mein Kind, ich freue mich sehr auf dich und euch! Damit hatte Dorisanda gleichzeitig ihren Besuchern die Erlaubnis zum Verschiebetanz erteilt. "Lasst uns erneut den Verschiebetanz tanzen", rief Beata eilig, fast hektisch. Wir begannen uns zu drehen. Lichter umfingen uns. Einen Moment später standen wir in einem ganz anderen Raum. Zwei weitere R-Wi-i tänzelten da mit leuchtenden Augen, die Eltern der beiden Schwestern. Dorisanda mit lockigen roten Haaren kam langsam auf uns zu, gefolgt von Moritselekto, ihrem Mann. "Liebe Ama, lieber Apa, ich grüße euch", rief Nereida unbeschwert wie ein Kind und stürmte auf sie zu. Dorisanda wäre fast von ihr umgerannt worden, wäre Moritselekto nicht hinter ihr. Nereidas Mutter lachte: "Nicht so stürmisch, junge Dame! Wie schön, dass ihr da seid." Sie knuddelte Nereida herzlich. Beata kam hinterher. Moritselekto sagte: "Wir freuen uns sehr über euch. Schon nach sechs Tagen sehen wir einander wieder." "Oh ja", rief Beata. Nereida stellte uns vor. Zu uns gewandt: "Das sind unsere Eltern Dorisanda und Moritselekto." Und zu ihren Eltern: "Liebe Eltern, darf ich vorstellen: Das ist Kollato, unser Kollege; und das sind unsere besten Freunde von der Erde: Meine Geliebte Oksana, Ingo und... Lisa?" Sie schaute sich verdutzt um. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck: "Wo ist denn Lisa?!?" ----------- Lisa war immer noch in Nereidas Haus. Bei dem eilig durchgeführten Verschiebetanz geriet Lisa außerhalb der Lichtschwaden, und wurde deswegen nicht mitgenommen. Das Licht verschwand mitsamt den anderen. Auch das Leuchten der Zimmerdecke wurde wieder abgestellt. Es war fast dunkel. Als Lisa erkannte, dass sie alleine im Dunkeln war, bekam sie Angst und rief laut: "Kommt zurück, lasst mich hier nicht alleine!". Ihre helle Stimme hallte wider. Sie schauderte. Schockiert suchte sie das ganze düstere Haus ab, was im Prinzip nur aus einem großen Raum bestand. Keine Lebewesen drin. Aber wo sollten sich fünf erwachsene Leute in einem fast leerem Raum auch verstecken? Sie versuchte, das Licht anzuknipsen, fand aber keinen Lichtschalter an der Wand. Plötzlich schrie Lisa laut auf! Ein Geist! Das Echo der Wände machte ihren Schrei noch schauriger. Jedoch war Lisa alleine, es war kein Geist da. Auch kein anderes Lebewesen. Denn sie hatte bloß in den Spiegel geschaut und ihr bleiches angstverzerrtes Gesicht erblickt. Erschreckt wandte sie sich ab und rief nochmal laut nach ihren Freunden. Niemand antwortete ihr. Wo sind sie bloß? Da sah sie die Tür. Irgendwas in ihr kam zu dem Schluss, Nereidas Eltern wohnen um die Ecke. Sie hatte noch Nereidas Worte im Ohr: 'Es ist nicht weit von hier'. Lisa ging zur Tür, aber die hatte keinen Griff. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die Tür zu öffnen. Durch irgendeine unbewusste Bewegung Lisas ging die Tür auf. Eine kalte Atmosphäre schlug ihr entgegen, und nur noch wenig Licht war vorhanden. Sie rief noch einmal. Keine Antwort. Sie verließ das Haus. Statt des erwarteten Holzbodens, Rasens, Ackerland oder Steinplatten trat sie auf eine Plastikfläche! So wie sie es im Restlicht noch erkennen konnte, gab es keine Bäume, keine Pflanzen. Kein Vogel sang. Totenstille! Das machte Lisa noch verängstigter. Sie fühlte sich so deplatziert, so allein in dieser kalten, fast dunklen, schrecklichen synthetischen Gegend! Sie sah sich um. Nereidas Haus lag an einem leicht abfallenden Berghang. Die Plastikfläche, auf der sie stand, war eine Tanzfläche vor Nereidas Haus. Weitere Plastikwände umgaben das Grundstück wie einen Zaun. Es gab eine Lücke in den Wänden. Lisa ging zu der Lücke und spähte hindurch. Dahinter führten jede Menge Stufen hinab. Plastikstufen. Wohin die wohl führen? Gewiss zu Nereidas Eltern, die wohnen ja nicht weit von hier. Lisa überlegte hin und her, was sie tun sollte.


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