Die galaktische Turnfee Nereida Drei

Kap. 63: Die Rettung

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Aus Ingos Sicht. Lisa stand auf der Tanzfläche vor Nereidas Haus. Sie war unentschlossen. Einerseits wäre sie die vermeintlich kurze Strecke auch gelaufen. Andererseits hatte sie aber auch keine Energie, in der Dunkelheit und in einer ihr total unbekannten Gegend nach einem unbekannten Haus mit ihr unbekannten Leuten - Nereidas Eltern - zu suchen. Sie richtete ihren Blick zum Nachthimmel. Komplett andere Sternbilder sah sie da, es war nichts vertrautes auszumachen. Das deprimierte sie noch mehr. Sie wunderte sich über die vielen kleinen Punkte am Himmel, die nicht so wie die Sterne blinkten, sondern gleichmäßiges Licht ausstrahlten und sich langsam über den Nachthimmel bewegten. Auf einmal schien eins dieser Lichter vom Kurs abzuweichen und wurde immer größer! Also bewegte es sich scheinbar genau auf sie zu! Ein Meteoroid! dachte sie entsetzt und rannte in Panik zurück in Nereidas Haus! Sie schaute angstvoll aus dem Fenster, sah den Himmelskörper auf den Berg gegenüber auftreffen. Ihr Herz raste wie wild! Noch mal entkommen, dachte sie. Die erwartete Explosion und der Knall blieben komischerweise aus. Seltsam. Lisa traute sich nach diesem dramatischen Ereignis nicht mehr aus dem Haus. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Ingo und den anderen zurück. Warum haben sie mich bloß zurück gelassen? Sie schluchzte. In Nereidas Haus sah sie fast gar nichts mehr. Immerhin war es hier wärmer als draußen. Wenigstens etwas Positives. Sie schloss die Augen, um ja nicht wieder in diesen schrecklichen Spiegel sehen zu müssen. Irgendwann machte sie die Augen doch wieder auf. Vor sich sah sie das Wandbild von Beata. Es leuchtete auf! Vor Schreck riss sie die Arme hoch. Damit aktivierte sie unbewusst Beatas Gedanken von vor 24 Jahren und hörte sie erstaunt in ihrem Kopf: Ke-res-te-ses, ich freue mich, bei dir zu sein. Das Leuchten des Bildes erlosch, Lisa stand wieder im Dunkeln. Beatas Gedanken erinnerten sie auf einmal wieder an die Gedankenkommunikation. Damit könnte sie die Schwestern rufen! Sie dachte ganz fest an Nereida, Beata: Lisa: Nereida und Beata, hier Lisa. Bitte kommt zurück zu Nereidas Haus! Ich habe Angst! Nereida: Lisa! Wir suchen dich schon. Du bist noch in meinem Haus? Lisa: Ja! Ich habe große Angst. Bitte komme zurück! Nereida: Das machen wir sofort, Lisa! Hab keine Angst. Beata: Lisa, hier Bea, wir kommen gleich zurück! Lisa: Danke Bea, ich fürchte mich. Es ist ganz dunkel hier! Beata: Wir machen uns sofort auf den Rückweg zu dir. Bis gleich! Lisa tastete sich zu Nereidas Bett und setzte sich darauf. Wie hart das war! Die Matratze war einfach bloß eine harte Plastikplatte. Und eine Bettdecke gab es nicht. Sie wartete. Es schien ihr eine Ewigkeit zu dauern, bis ein roter Kreis mit glühendem Rand auf dem Boden und darüber ein Licht mitten im Raum erschien. Es wuchs stärker, wirbelte umher, im Wirbel entstanden fünf Lichtsäulen, die erst in die Länge, dann in die Breite wuchsen. Körper bildeten sich. Die Lichtwirbel verschwanden. Nereida, Beata, Ingo, Oksana und Kollato standen tänzelnd wieder im Zimmer. Gleichzeitig begann wieder die Decke zu leuchten. Alle eilten zu Lisa, riefen ihren Namen. "Ich habe mich noch nie so verlassen gefühlt wie in diesem dunklen Ort ohne euch! Ich hatte so eine Angst, ihr kommt nicht wieder und ich muss hier sitzen bleiben!", heulte Lisa auf. Ingo umarmte Lisa: "Oh, Schatz, ich bin ja wieder da! Du bist nicht mehr allein! Es tut mir so leid!" "Es tut mir auch unendlich leid, dass du hier alleine zurückbleiben musstest, liebe Lisa. Ich fühle deinen Schmerz", stieß Nereida traurig hervor und umarmte Lisa. "Es tut mir ebenso sehr sehr leid, dass ich beim Verschiebetanz nicht besser auf dich aufgepasst habe, liebe Lisa. Ich war zu hektisch und bitte dich aufrichtig um Verzeihung!" schluchzte Beata voll von schlechtem Gewissen. Nereida fühlte ähnlich wie ihre Schwester: "Ja, bitte verzeih mir auch, Lisa." Den beiden R-Wi-a ging Lisas Unglück besonders nahe, waren sie doch stets auf Harmonie bedacht. Sie erkannten, dass sie hier kläglich versagt hatten, auch wenn sie nicht absichtlich oder vorsätzlich gehandelt hatten. Kollato bekannte ebenfalls sein Unbehagen. Auch Oksana kam und drückte Lisa liebevoll an sich. Lisa ließ sich uns fünfen beknuddeln und sprach zitternd zu uns: "Ich bin bereit, euch zu verzeihen, wenn ihr mir einen Wunsch erfüllt." "Welchen Wunsch, Lisa", fragte Nereida bedrückt. "Ja, welchen Wunsch, Lisa? Wir tun alles, damit es dir wieder gut geht", stieß Beata hervor. Lisas ganzer Frust entlud sich in ihrem Wunsch, es war beinahe ein gequälter Aufschrei: "Ich will zurück! Ich will zurück zur Erde! Ich will zurück nach Obertupfingen. Zurück zu meinem Zuhause. Ich will hier nicht mehr sein!" Nereida und Beata sahen ein, dass sie unverzüglich Lisas Wunsch entsprechen mussten. "Das machen wir, Lisa, sofort. Wir bringen dich und auch die anderen zurück." Kollato meinte: "Ich bleibe auf R-Wi. Liebe Lisa, es tut mir so leid, dass du hier unglücklich bist, und das auch noch durch unsere Schuld. Ich bitte dich auch um Verzeihung! Kann ich was für dich tun?" "Kollato, ich verzeihe dir auch so. Du bist ein guter Fremdenführer. Danke auch für das Treffen mit der Präsidentin, das war schön. Nett, dich kennengelernt zu haben. Mach es gut." Sie umarmten einander. "Ich danke dir, Lisa. Lebewohl und Hauduh", sagte Kollato traurig. Lisa nickte. Sie stand auf. "Ich möchte jetzt los." Wir standen auf, bildeten eine Reihe, mit Nereida am einen und Beata am anderen Ende. Kollato stand abseits. Er winkte betreten zum Abschied, tanzte schnell, rotierte, wurde glühend hell und verschwand schließlich. Wir begannen zu tanzen, die Lichtbänder erschienen. Alle drehten sich noch schneller, die Energie erfüllte uns. Bündel von Licht umschwärmten uns, ich sah ein letztes Mal Nereidas Zimmer mit unserem gemeinsamen Wandbild. Dann wurden wir zu grellen Lichtern, alle Sinne verließen mich. Eine große Ruhe erfüllte mich. Es war zeitlos. Irgendwann tauchten die Lichtbänder wieder auf. Vier weitere Lichtsäulen neben mir selbst formten sich größer. Mein Sichtgefühl kehrte langsam zurück! Ich begann meinen Körper wieder zu spüren, die Sinne kehrten zurück. Wir tanzten alle. Ich erkannte mein Zimmer. Wir waren wieder in unseren menschlichen Körpern! Und hatten alle wieder einen Nereida-III-Turnanzug an! Die Wanduhr zeigte 23:30 Uhr. Wir waren also nur fünf Stunden in der Welt R-Wi gewesen! Kam mir viel länger vor. Ich hörte einen Jubelschrei. Er kam von Lisa, als sie in meinen Wohnzimmerspiegel schaute und ihres vertrauten Anblicks gewahr wurde. Nereida und Beata lächelten verhalten. "Danke ihr zwei, dass ihr mich wieder zurück gebracht habt", sagte Lisa und umarmte die beiden Schwestern. Die lächelten betreten, fühlten sie doch immer noch ihre Schuld und ihr schlechtes Gewissen. Oksana drückte auch Lisa an sich. "Tut mir leid, Lisa, dass der Schluss der Fahrt so schlimm für dich war." Sie drückte Lisa. "Danke Oksana für deine Anteilnahme." Oksana fuhr fort: "Ich für meinen Teil habe mich auf R-Wi sehr wohl gefühlt, Kollato hat alles gut erklärt. Ihr beiden, Bea und Nereida, natürlich auch. Altidantsa ist echt nett und lieb. Ich fühlte mich wirklich sehr geehrt! Und genauso gefallen hat mir der Umstand, dass jeder Bewohner auf R-Wi einen Turnanzug mit Leggings trug! Wie ergreifend, alle trugen Tanz- oder Turnkleidung! So, wie es auf dem Platz der Großen Harmonie zuging, stelle ich mir das Paradies vor: Jeder tanzt, alle tragen Turnkleidung, man wird nie müde, alle sind gut gelaunt, euphorisch. Das war das Paradies für mich! Ich war heute ein paar Stunden im Paradies! So schön! Ich danke euch Schwestern für den für mich einmalig tollen Tag!" Die beiden strahlten wieder. "Gern geschehen, Oksana", freute sich Beata. "Oh, wie schön, das zu hören, meine Liebste", rief Nereida und knuddelte Oksana. "Auch mir hat es gefallen, die Ehrung bei Altidantsa; auf dem Platz der Großen Harmonie; bei dir zu Hause, Nereida", meinte ich. Die Schwestern strahlten. "Ich habe mich nur gewundert, dass es keine Natur in der Welt R-Wi gibt, so wie hier. Das fand ich schade." Nereida und Beata schauten erstaunt auf. Lisa fügte enttäuscht hinzu: "Es gab keine Bäume, Sträucher, Pflanzen, Gras, Vögel, Tiere. Außer den R-Wi-i nichts Lebendes! Und noch nicht mal Steine gab es da! Das alles ist nämlich das, was ICH zum Leben brauche. Stattdessen nur Plastik überall. Altidantsas Palast aus Plastik, der Platz der großen Harmonie aus Plastik, Nereidas Haus, sogar vor Nereidas Haus war alles aus Plastik! Keine Natur." Beata schaute betreten. "Ich weiß, Lisa, ja. R-Wi ist in DER Hinsicht komplett anders als die Erde. R-Wi ist voll synthetisch, im Vergleich zur Erde." Lisa nickte. "Nun verstehe ich dich wohl erst richtig, Lisa", erkannte Nereida, ebenso betreten, "du warst also schon die ganze Zeit auf R-Wi enttäuscht, nicht bloß erst zum Schluss. Ich wusste nicht, wie sehr du das alles brauchst, was du eben aufgezählt hast." "Genauso ist es. Zu eurer Entlastung gebe ich aber zu, dass ihr das nicht wissen konntet. Und ich bin generell etwas ängstlich. Ich hatte zum Beispiel Angst, dass ich nicht wieder hierher zurückkehre." "Ja, das habe ich schon gemerkt, als wir gerade ein paar Minuten auf R-Wi waren", sagte Beata. "Stimmt. Du hast deinen Arm um mich gelegt, Bea. Das war auch sehr nett. Aber ich wollte euch beide später nicht stören in eurer Harmonie, in eurer Freude. Deshalb habe ich versucht, meinen Missmut vor euch zu verbergen. Das ist mir ja bis zu Nereidas Haus auch gut gelungen. Und es war wirklich nicht einfach. Denn ich wusste ja, dass ihr meine Gedanken lesen könnt, und das wollte ich verhindern. So habe ich nur gedacht, wenn Kollato, Ingo oder Oksana was sagten und ihr ihnen zuhörtet. Ich wollte eure Freude, euer Glück nicht stören." "Ach liebe Lisa, du hast solch eine große schwere Anstrengung unternommen, nur damit wir glauben, dass es dir gefällt und damit Beata und ich glücklich sind. Du hast die Harmonie bewahren wollen und warst selber unglücklich", bedauerte Nereida bekümmert. "Und dass du dann auch noch von uns, wenn auch nicht beabsichtigt, in Nereidas dunklem Haus zurück gelassen wurdest, hat dir dann den Rest gegeben", meinte Beata verhalten. "Genau so, Nereida und Bea. ich fühlte mich so allein. Ich dachte, ihr kommt nie wieder. Und dann musste ich leider noch ein weiteres Mal in beinahe kompletter Dunkelheit mein entsetzlich bleiches Gesicht in Nereidas großem Spiegel sehen. Ich hatte geschrien, denn ich hatte richtig Angst vor mir selber! Wie in einem Albtraum", sagte Lisa mit Tränen im Gesicht. Oksana und ich gingen zu Lisa und nahmen sie in den Arm. Oksana wischte mit einem Tuch Lisas Tränen fort. Lisa lächelte uns beiden verhalten zu. Die beiden Schwestern ließen die Köpfe hängen. Ungemütliche Stille lag im Raum, mehrere Sekunden lang. Nereida nahm Lisas Hand und drückte sie. "Kannst du uns verzeihen, liebe Lisa? Es tut uns so leid", bat sie schließlich flehend. "Ja. Ihr habt mich wieder hierher gebracht und meinem Wunsch entsprochen." "Was können wir für dich tun?" fragte Nereida bittend. "Fragt mich das nächste Mal vorher um Erlaubnis, bevor ihr mich einfach so in eure Welt oder sonst wo hin bringt. Ich habe nach diesen Erlebnissen von heute keine Lust mehr, nochmal dorthin zu fahren. Ich brauche jetzt Zeit für mich. Ich muss das alles verarbeiten. Vielleicht ändere ich ja mal meine Meinung, wer weiß. Fragt mich vorher!" "Natürlich, Lisa, das habe ich deutlich verstanden, das verspreche ich!" beteuerte Nereida. "Auf jeden Fall, Lisa, ich verspreche es dir auch. Und zwar nicht nur dir, sondern auch Ingo und Oksana", stieß Beata hervor. Lisa atmete schwer. Schließlich sagte sie: "Ich nehme eure Versprechen an. Na gut." "Hat dir auf R-Wi denn irgendetwas gefallen?" meinte Beata bedrückt. "Ja, natürlich, Bea. Es gab doch auch nette Sachen. Der Empfang bei Altidantsa war schön. Eine warmherzige Frau. So mütterlich, so lieb! Toll organisiert von euch, die Ehrung. Eine schöne Überraschung. Auch das Tanzen auf dem großen Platz war herrlich. Bea und Nereida, ihr wart da so enthusiastisch beim Tanzen! Und dass du, Bea, Lorinda wieder gesehen hast, hat mir auch sehr gefallen. Dass ich Lorinda heilen konnte, war eines der schönsten Erlebnisse überhaupt! Genauso wie ich Altidantsa heilen konnte!" Beata und Nereida lächelten vorsichtig, sahen immer noch geknickt aus. "Ach Bea. Ach Nereida. Es war doch auch schön in eurer Welt. Ich weiß, ihr habt alles in bester Absicht vorbereitet und auch durchgeführt. Bitte lächelt doch wieder." Lisa kam auf sie zu und umarmte sie, küsste beide auf die Wange. Die beiden Schwestern lächelten wieder. "Danke, Lisa", sagten sie. "Dabei hätte ich eure Eltern doch gerne mal gesehen." "Ja, die haben das auch sehr bedauert. Unser Vater hat uns aber prompt wieder zurück geschickt, damit du nicht so lange allein in meinem Haus bleiben musstest", meinte Nereida. "Unsere Eltern hatten angeboten, dass wir anschließend mit dir zusammen wieder zu ihnen zurück kehren konnten", sagte Beata, "aber nachdem du unmissverständlich drauf gedrungen hast, nach Hause gebracht zu werden, haben wir das gar nicht mehr erwähnt." "Es ist gut, dass ihr auf mich gehört habt. Ihr habt damit die Harmonie wiederhergestellt." Die beiden Schwestern strahlten wieder. "Übrigens, noch was. Ich wollte zu Fuß zu euren Eltern gehen, aber plötzlich kam dieser Riesen-Meteorit auf mich zu und ich lief total erschrocken zurück ins Haus." "Du kannst keinen Meteoriten oder genauer gesagt Meteoroiden gesehen haben, denn ein Schutz-Kraftfeld um R-Wi verhindert das Durchdringen solcher kosmischer Brocken. Deshalb gibt es keine Krater auf R-Wi. Da das Kraftfeld aber mit der Zeit abnimmt, müssen alle R-Wi-i einmal pro Monat gleichzeitig den Kraftfeld-Erhaltungstanz tanzen, um unser Feld zu stärken", erklärte Beata. "Lisa, hast du denn eine Explosion gesehen oder einen Knall gehört?" "Nein." "Dann hast du wahrscheinlich die Niederkunft eines Führs gesehen, Lisa", lächelte Nereida. "Was ist das denn?" Nereida und Beata erklärten uns das Verfahren der Geburt eines neuen R-Wi-Bewohners, der als Führ R-Wi umkreist und in einer feierlichen Zeremonie zu Boden kommt und dort zu einem kleinen R-Wi-o oder einer kleinen R-Wi-a wird. "Was du gesehen hast, ist eigentlich ganz tolles Ereignis, was bei uns groß gefeiert wird! Auf diese Art und Weise kamen auch Nereida und ich zur Welt", strahlte Beata. Lisa war da scheinbar wieder froh. Wir umarmten einander zum Abschied. Beata brachte schließlich noch Nereida und Oksana mit ihrem Auto nach Hause. Weil es regnete, war Nereida auch nicht obsternatsch. Lisa übernachtete bei mir. Sie wollte nach den schrecklichen Minuten vor und in Nereidas Haus nicht alleine bei sich bleiben, aus Angst vor Albträumen. Und sie war sehr müde, kuschelte sich an mich und schlief schließlich ein, immer noch im Turnanzug gekleidet, wie ich auch.


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