Die galaktische Turnfee Nereida Drei

Kap. 69: Nereida, Ingo und die Badeanzüge

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Aus Ingos Sicht. Samstag Vormittag. Es war inzwischen Mittag geworden, als wir Lauras Lycra Laden verließen. Nereida, Oksana, Lisa und ich passierten die Wasserspiele am Schloss, kehrten dann in einem Straßencafé ein, verzehrten etwas und plauderten miteinander. Die Sonne schien recht kräftig, es war sehr warm. Meine Jacke mitzunehmen war doch eine schlechte Idee, ich musste sie ausziehen. "Puh, wie heiß", stöhnte Oksana, "das richtige Wetter, um baden zu gehen. Passt schon mal gut fürs Freibad morgen." "Das finde ich auch", meinte Lisa. Ich stimmte ihr zu. Nereida schaute uns verlegen an. "Was ist denn Baden?" Da wurde uns allen wieder bewusst, dass Nereida ja nicht von der Erde stammte. "Liebe Turnfee, Baden heißt, dass wir in einen See gehen, dort schwimmen und plantschen und uns darüber freuen und das genießen", erklärte Oksana. Nereidas ratloser Gesichtsausdruck gab uns zu verstehen, dass sie das nicht kapiert hatte. "Was ist schwimmen und plantschen?" Wir erklärten ihr das und sie versuchte das nachzuvollziehen. "Achso, Baden oder Plantschen heißt, ihr geht in eine große Menge von Wasser und spritzt damit und freut euch darüber?" Ich versuchte mich in Nereidas Lage zu versetzen und stellte fest, dass es für sie wirklich nicht einfach ist zu verstehen, was Baden ist und warum die Menschen es tun. "Ja, Nereida. So in etwa. Es ist ein schöner Spaß." "Dann können wir das ja gleich mal tun. Dort ist ja genügend Wasser." Sie deutete auf die Wasserspiele. "Oh nein, das macht man nicht", entgegnete ich, "dafür gibt es ganz spezielle Orte wie Freibäder, Hallenbäder oder Badeseen." "Dann lasst uns doch jetzt zu diesen Orten gehen." "Aber du hast ja gar keine Badekleidung", warf Lisa ein. Nereida war erstaunt. "Man braucht Badekleidung?" "Ja. So wie du fürs Turnen oder Tanzen einen Turnanzug oder Ballettanzug benötigst, so brauchst du fürs Baden einen Badeanzug. Oder ein Badekleid." "Das habe ich nicht gewusst, Lisa. Habe ich denn einen Badeanzug, Oksana?" "Nein, meine liebe Turnfee. Aber das können wir ändern." "Ute sagte aber bei der TuFiTa, wer keinen Badeanzug hat, kann auch einen Turnanzug mitbringen." Lisa antwortete: "Das geht zur Not auch, aber ein Badeanzug ist für den Gebrauch im Wasser des Freibads besser geeignet als ein Turnanzug. Es gibt zwar auch Leute, die anderer Meinung sind, aber im Allgemeinen tragen wir zum Baden einen Badeanzug. Man kann auch einen Bikini anziehen." "Was ist das?" "Ein Bikini ist eine zweiteilige Badekleidung, bestehend aus Brustteil und Höschen", erklärte Lisa. "Das ist nichts für Nereida. Sie soll lieber einen Badeanzug kaufen. Der passt besser zu ihr", ging Oksana dazwischen. Wir wunderten uns. Niemand widersprach ihr. Nereida hat doch eine tolle Figur, da würde ihr doch auch ein Bikini sehr gut stehen. Dann kam ich drauf. Es war wohl eher so, dass Oksana nicht wollte, dass womöglich andere Leute Nereida angraben könnten. Sie war wohl eifersüchtig, wollte die Turnfee für sich behalten. Dass es in Wirklichkeit einen ganz anderen Grund dafür gab, ahnte ich in diesem Moment noch nicht. Nereida schaute verschüchtert zu Oksana, hörte dann auf ihre Geliebte. "Und woher bekommt man denn so einen Badeanzug?" fragte sie. Oksana antwortete: "Im Sportgeschäft. Wir sind ja hier in der großen Stadt, da können wir mit dir gleich dorthin gehen und wir suchen zusammen einen Badeanzug für dich aus. Wir brauchen ja sowieso einen für dich, fürs Freibad." "Au ja, lasst uns gehen." Wir marschierten zusammen schwitzend durch die Stadt. Die Hitze war wirklich sehr präsent. Beiläufig erwähnte ich: "Ich habe auch keinen Badeanzug." "Schatz, dann suchen wir zusammen auch für dich einen Badeanzug aus." Ui, nochmal eine Anprobe heute. Bei Laura war das ja alles familiärer, aber wie wird das denn im Kaufhaus sein? Wir betraten ein großes Kaufhaus. Nereida schaute sich erstaunt um. "Hey, wie ist dieses Haus groß! Und das hier kann man alles kaufen?" "Ja, Nereida. Wenn man genügend Geld hat", sagte ich. Die galaktische Turnfee seufzte. Warum die Menschen soviel Wert auf Geld legten, war ihr immer noch unverständlich. Ihre Welt hatte ganz andere Werte. Manchmal dachte sie öfter daran, wenn das Thema Geld fiel, mit Oksana einfach nach R-Wi zu ziehen, wo alles freizügig und vorbehaltlos war, wo es kein Geld gab. Während sie durch die Gänge zog, kehrten ihre Gedanken wieder in die Gegenwart zurück. Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Nereida erspähte ein lang gezogenes Lebewesen, auf denen einige Menschen ritten. "Was ist das?" "Das ist eine Rolltreppe. Damit können wir mühelos zu anderen Stockwerken gelangen", erklärte Lisa. "Um zu den Badeanzügen zu kommen, müssen wir damit in den ersten Stock fahren", sagte ich. Nereida ging neugierig näher. Schließlich standen wir am unteren Anfang der Rolltreppe. "Ich kenne das nicht, wie macht man das?" "Stell dich auf eine Stufe und halte dich am Handlauf fest. Dann bleibe stehen. Ich mache es dir vor", sagte Oksana und ging auf die Rolltreppe. Nereida beobachtete sie, sprang dann selber auf eine Stufe und hielt sich am Handlauf fest. Die Treppe zog sie hinauf. "Das ist ja ein seltsames Gefühl! Eine Treppe, die sich bewegt!" Ich folgte ihr, hinter mir kam Lisa. Nereida schaute über die Rolltreppe hinweg nach unten, hinab bis ins Kellergeschoss. Auf einmal wurde sie kalkweiß im Gesicht, ihr Mund geöffnet, ihre Augen starrten angsterfüllt in die Ferne, sie hielt sich krampfhaft fest. Ich schaltete sofort. "Nereida, schau auf die Treppenstufen hier oben! Oksana! Nereida hat Höhenangst!" Oksana drehte sich rasch um und reichte Nereida ihre Hand. "Guck zu mir, liebe Freundin!" Ich ging zwei Stufen höher, zu ihr, hielt Nereida. "Ich halte dich, Nereida, dir passiert nichts! Schau zu Oksana." Nereida drehte ihr Gesicht langsam Richtung Stufen und zitterte. Ihre Hände krallten sich immer noch in den Handlauf. "Wir kommen gleich oben an, Nereida! Komm zu mir!" rief Oksana und verließ die Rolltreppe. "Nereida, lass los und lauf zu mir!" Sie blickte Oksana an, rannte los, Oksana direkt in die Arme. "Wie furchtbar, bloß weg hier!", rief sie entsetzt. Oksana zog sie weiter von der Rolltreppe weg. Zum Glück hatten die Kaufhausbetreiber ein paar Sessel für Kunden zum Ausruhen an den Gang gestellt. Dort ließen wir uns nieder. Oksana tröstete ihre Freundin, die immer noch unter Schock stand. "Es war so schrecklich hoch, ich hatte eine Riesenfurcht, herunter zu fallen!" "Hier bist du in Sicherheit. Atme gleichmäßig, das entspannt dich." Wir gaben ihr Beistand. Ein paar Minuten vergingen. Nereida beruhigte sich allmählich wieder. "Wollen wir jetzt zu den Badeanzügen, Nereida?" fragte ich. "Ja", antwortete sie, schon wieder zuversichtlicher. Wir gelangten zur Sportabteilung. Es war mäßiger Betrieb, ein paar andere Frauen stöberten in den Reihen und einige waren in den Umkleidekabinen. Oksana ging voran. "Guck mal Nereida, hier sind die Badeanzüge." Nereida stöberte ein bisschen. "Die sehen ja irgendwie ähnlich aus wie Ballettanzüge, nur ohne Ärmel. Wobei ich bei Laura auch viele Anzüge ohne Ärmel gesehen hatte." "Im gewissen Sinne hast du recht, Nereida, nur sind Badeanzüge speziell für die Benutzung im Wasser hergestellt. Und sie halten auch Bestrahlung durch Sonnenlicht besser aus." "Ach so ist das, Oksana." Nereida schaute sich um. Kein Personal in Sicht. "Ähm, gibt es hier eine Beraterin wie Laura, oder?" Oksana grinste. "In so großen Läden gibt es wenig oder kaum Berater. Dafür ist die Ware billiger. Aber du hast ja mich und Lisa als Beraterinnen." "Stimmt. Jedenfalls sehe ich hier sehr viele Reihen mit Badeanzügen, wie soll ich mich denn da zurecht finden?" "Da wir uns in den Badeanzügen viel bewegen werden, schlage ich vor, einen Sportbadeanzug zu nehmen." "Ich habe sie schon gefunden", rief Lisa, "hier hinten sind sie." Wir folgten Lisa. "Nereida, schau erst mal nach deiner Größe. Und Ingo, du auch", sagte sie. Nereida war ratlos. "Was ist meine Größe?" Oksana antwortete ihr: "Du hast 38, wie ich. Und Ingo, schau nach 44." Nereida stöberte mit Oksana und ich mit Lisa an der Stange, an der die Badeanzüge aufgehängt waren. Wir nahmen uns je drei Badeanzüge heraus und gingen zu den Umkleidekabinen. Mein erster war mir zu klein in der Höhe, was Lisa bemängelte. Außerdem hatte er ein bisschen zu viel Rot für meinen Geschmack. Der zweite saß am Gesäß nicht gut, das Muster gefiel mir auch nicht bei genauer Betrachtung. Der dritte überzeugte mich. Er saß überall gut, war schwarz mit grünfarbigen Querstreifen auf der Frontseite. Im Rücken hatte er gekreuzte Träger. Das Gefühl, überall straff eingepackt zu sein, war etwas ganz Besonderes! Ich erschauderte. Dass so ein herrlich enges Gefühl am Oberkörper laut Gesellschaft eigentlich nur den Frauen vorbehalten sein sollte, empfand ich schon fast als Diskriminierung der Männer! Her mit der Gleichberechtigung! Ich fühlte mich pudelwohl in meinem Badeanzug. Das war der Badeanzug, den ich haben wollte! Auch Lisa fand meine Wahl überzeugend. Sie ließ mich in allen drei Anzügen verschiedene Bewegungen machen. Kein Zwängen, Kneifen, Zwicken. Sie brachte mir bei, dass man den Badeanzug auf Herz und Nieren testen muss, und wenn er dann immer noch passt, ist er optimal. Das Testen ist halt im Kaufhaus am besten durchzuführen. Nereida brauchte etwas länger. Ihre drei gewählten Badeanzüge passten sogar alle, nur konnte sie sich schwer für einen entscheiden. Für alle drei fehlte ihnen das Geld, bei ca. 50 Euro pro Badeanzug. Schließlich hatte sie sich einen recht bunten Badeanzug ausgesucht. Vom Schnitt ähnelte er meinem Badeanzug, nur war ihrer farbenfroher, mit einem riesengroßen roten Sonnendruck links und waagerechte farbige Streifen über blauem Grund, die nach rechts von der Sonne ausgingen. Da der Spiegel in der Kabine nicht besonders groß und vor den Kabinen ein mannshoher Spiegel war, trat ich heraus, betrachtete mich in dem großen Spiegel. Der neue Badeanzug hielt auch Oksanas und Lisas prüfenden Blicken stand. Nereida im bunten Badeanzug gefiel mein Modell auch. "Hey Ingo, bist du das? Hut ab!" Das Lob kam aber weder von Oksana noch von Lisa oder Nereida. Die Stimme kannte ich, aber von ganz woanders her. Wir drehten uns um. Die Stimme gehörte Sandra, einer Arbeitskollegin von mir und die Ehefrau meines Skatbruders Torsten, eine mittelgroße üppige Frau mit blonden Haaren. Sie lächelte mich an. Eine andere Frau im Badeanzug, die ich nicht kannte, ebenfalls blond und genauso groß wie Sandra, aber schlank, stand neben ihr. Sie hatte gerade einen schwarzen hochgeschlossenen Hydrasuit an und sah Sandra ähnlich, sie war deutlich die sportliche Version von Sandra. "Hallo Sandra! Danke!" nahm ich erfreut ihr Kompliment entgegen. "Ich bin beeindruckt, Ingo! Entschuldigt bitte, dass wir hier so hereinplatzen! Ich bin übrigens Sandra, Ingos Arbeitskollegin." Sandra wies auf die Frau im schwarzen Badeanzug: "Und das ist Fiona, meine Schwester." "Hallo allesamt, nett euch kennen zu lernen", sagte Fiona lächelnd. Ich machte Lisa, Oksana und Nereida mit Sandra und Fiona bekannt. "Dein Badeanzug sieht aber sehr sportlich aus, Fiona", bekannte Lisa. "Finde ich auch", stimmte ich zu. "Ja danke ihr zwei. Ich gehe zweimal die Woche zum Schwimmen." "Hey, ich bin verblüfft. Dann brauchst du ja ein sportliches Modell." Fiona nickte. Sandra trat auf mich zu. "Und magst du mir sagen, warum du einen Badeanzug an hast, Ingo?" "Weil er mir gefällt. Ich wollte das schon länger mal ausprobieren. Nereida, Lisa und Oksana haben mich dazu ermuntert." "Ohne Frage, der sieht an dir gut aus", lobte mich Sandra. Fiona stimmte ihrer Schwester zu. "Und deiner, Nereida, hat ein tolles Muster und schöne Farben." "Ja, ich mag ihn auch total gern. Das Richtige für morgen", strahlte die Turnfee. "Wir drei wollen morgen ins Freibad Obertupfingen, und Nereida und Ingo weihen dort ihre neuen Badeanzüge ein", meinte Oksana. "Wollt ihr morgen ins Freibad mitkommen?" fragte ich die Schwestern. Sandra schaute etwas traurig drein: "Wir können leider nicht. Wir würden ja mitkommen, es soll morgen auch schönes Wetter geben." Fiona ergänzte: "Und wir würden gerne mit euch schwimmen gehen, aber morgen feiert unsere Mutter Sigrid Geburtstag, da dürfen wir nicht fehlen." "Vielleicht klappt es später ja mal", versuchte ich die beiden aufzumuntern. "Bestimmt", war Sandra zuversichtlich, "ansonsten bis Montag in der Firma, Ingo. Tschüss ihr alle!" Wir verabschiedeten uns voneinander, zogen uns wieder an. Sandra und Fiona stöberten noch weiter bei den Reihen mit den Badeanzügen. Nereida und ich bezahlten unsere Anzüge. Genau genommen bezahlte ich diesmal Nereidas Badeanzug, da sie immer noch kein Geld hatte. Ich dachte daran, dass Nereida uns ja jedem einen Turnanzug geschenkt hatte, und ich wollte unbedingt, dass sie auch mal was von mir bekommt. Wir standen nun allerdings vor dem Problem, wieder ins Erdgeschoss zu kommen. Die Rolltreppe schied als Transportmittel aus, nach dem Debakel von vorhin. "Lasst uns den Aufzug nehmen", meinte Lisa leise zu mir. War eine gute Idee. Es war zum Glück keiner von diesen verglasten Aufzügen, denn die Fahrkabine war noch altmodisch blickdicht zu allen Seiten. "Nereida, wir müssen noch in den kleinen Raum da gehen", überlisteten wir sie. "Ja, ich komme gerne mit." "Die Tür wird zugehen, und es rüttelt etwas, aber keine Angst, wir sind bei dir." Sie entspannte sich. Ich verdeckte das Bedienfeld vor Nereidas Blicken. Die Türen schlossen sich, ich drückte unbemerkt auf "EG", und der Aufzug bewegte sich nach unten. "Mir wurde eben kurz ganz leicht", wunderte sich Nereida. Wir anderen sagten nichts. Ich grinste Lisa verstohlen an. Und kurzen Augenblick später: "Nun sacke ich kurz zusammen, was ist das? Warum sind wir eigentlich hier?" "Geh mal heraus, wenn die Tür sich öffnet." Wir hatten das Erdgeschoss erreicht, die Tür öffnete sich und Nereida ging mit uns hinaus. "Huch!", wunderte sie sich, "wir sind ja ganz woanders! Könnt ihr zaubern?" Wir lachten. "Nein", sagte ich, "der Raum, in dem wir eben waren, kann hoch- und runterfahren. Man nennt ihn Aufzug, Lift oder Fahrstuhl." "Das ist ja praktisch!" "Und wir haben damit die Rolltreppe vermieden." "Oh, das habt ihr gut gemacht! Ich danke euch, liebe Freunde!" Nereida war glücklich. Gut gelaunt verließen wir vier das Kaufhaus mit zwei neuen Badeanzügen im Gepäck.


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