Die galaktische Turnfee Nereida Drei

Kap. 70: In der TuGa

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Aus Ingos Sicht. Mit unseren Einkäufen von Laura und vom Kaufhaus gingen wir die Einkaufsstraße entlang. "Puh, das ist ja immer noch so heiß", japste Oksana, als das hochsommerliche Wetter uns umfing. "Finde ich auch", stöhnte Nereida. "Das Kaufhaus war angenehmer temperiert", schnaufte Lisa. "Das hat ja auch eine Klimaanlage", meinte ich. "Wir hätten ja die Badeanzüge gleich anbehalten und hier irgendwo baden können", bemerkte Nereida. Wir grinsten. "Aber Lisa und ich haben keine Badeanzüge hier", gab Oksana zu bedenken. Das war aber nicht ihr Haupteinwand. Sie dachte an das Aufsehen, was Nereida und vor allem ich erregen würden. "Dann geht doch zurück und kauft euch jede einen neuen Badeanzug", schlug die Turnfee vor. "Wir haben doch schon zuhause einen Badeanzug. Und wir haben nicht so viel Geld mit", meinte Lisa. "Oh, ihr immer mit eurem Geld. Aber wartet mal: Ich kann Geld ertanzen." "Liebste Nereida, das ist doch nicht erlaubt", bremste Oksana sie. "Ach ja, daran hatte ich nicht mehr gedacht." Nereida war nur kurz betrübt, aber dann lachte sie uns an. Denn sie hatte schon eine neue Idee: "Ich könnte euch beiden ja je einen Badeanzug ertanzen." "Nereida, bitte nicht hier. Hier sieht das jeder", sagte ich zu ihr. Sie schaute betreten und fügte sich. "Oder lasst uns doch dort links in den Park an den See gehen. Aber vorher müssen wir noch zum Bahnhof, der ist nur fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt", meinte ich zu allen. "Wieso willst du zum Bahnhof?" fragte Oksana. "Ich will unseren Einkauf in ein Schließfach stecken. Es bringt keinen Spaß, die ganzen Sachen durch diese Hitze zu schleppen." Lisa, Oksana und Nereida sahen das auch ein. Das mit dem Schleppen. "Wartet!" Nereida hatte freudestrahlend erneut eine Idee: "Ich könnte die Sachen in meine und Oksanas Wohnung tanzen. Ich kann auch einen Verschiebetanz für Gegenstände!" Zum Glück hatte uns niemand anderes in den vergangenen fünf Minuten zugehört. Nun begegneten uns wieder mehrere Passanten. "Lass mal lieber, Nereida, hier schauen zu viele Leute zu. Du könntest mehr Aufmerksamkeit auf dich ziehen, als dir lieb ist. Es muss hier nicht jeder deine besonderen Fähigkeiten kennen. Es ist besser so, für uns alle", sagte Lisa. Der Enthusiasmus der Turnfee erlitt einen deutlichen Dämpfer. Nichts durfte sie. Kein Geld ertanzen, keinen Badeanzug ertanzen, keinen Verschiebetanz für die gekauften Waren durchführen. Sie schmollte und schwieg erstmal. Wir setzten unseren Weg fort und ich unterhielt mich mit Lisa und Oksana. Nereida trottete still nebenher. Nach einiger Zeit brach sie ihr Schweigen und fragte mich dann: "Ingo, was ist denn ein Bahnhof?" Ich erklärte ihr in ein paar Sätzen das Wesentliche über Bahnhöfe, Gleise und Züge. "Können wir denn mal mit so einem Zug fahren?" "Das ist für uns nicht sinnvoll, da kein Zug nach Obertupfingen fährt. Leider. Aber anschauen können wir uns das dennoch." Ich grummelte innerlich. Es fuhren nämlich mal Züge nach Obertupfingen. Bis dann in den 80er Jahren allgemeine Streckenstilllegungen stattfanden, die Strecke zwischen Obertupfingen und Großtupfingen ebenso als unrentabel eingestuft und stillgelegt wurde. Was für ein Mist! Ich mag sehr gerne Bahn fahren, und dann so was! Statt 18 Minuten mit dem Zug braucht man nun 30 Minuten mit dem Bus, laut Fahrplan. Und der Bus steht morgens oft im Stau fest. Also nicht 30, sondern 40 bis 45 Minuten... Für Pendler echt blöd. Ich war mal auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen und weiß, wovon ich spreche. Aber was solls... Unser Bahnhofsgebäude ist nun zu einer Diskothek umgebaut worden, immerhin trägt sie jetzt den Namen Alter Bahnhof. Schnell waren wir am Hauptbahnhof Großtupfingen. Nereida staunte über die Menge an Leuten. Wir steckten die vielen Tüten in ein Schließfach. Was für eine Erleichterung! Wir gingen durch eine Unterführung, näherten uns einer von vielen Rolltreppen, die zu den Bahnsteigen hoch führten. Ein vorsichtiger Blick von uns. "Diese Rolltreppe ist ungefährlich", meinte ich. Diesmal ging es gut. Keine großen Höhen. Nereida meisterte die Fahrt mit Bravour. "Gut gemacht, liebe Turnfee!" lobte Oksana sie. Nereida strahlte. Sie staunte über so vieles. Die riesige Bahnhofshalle. Die sechs Bahnsteige. Die Gleise. Die langen Züge. Sie bekam mit, wie der Zug an unserem Bahnsteig abfuhr und freute sich wie ein Kind, tanzte auf dem Bahnsteig. Zwischen unserem und dem nächsten Bahnsteig lagen mehrere Gleise. Ein lautes Rumpeln erscholl von rechts. Ein Güterzug fuhr auf dem mittleren Gleis hindurch. Ich erklärte das Nereida. "Hey, so viele Waggons!" "Ja, das sind Waggons mit Containern, wo verschiedene Sachen drin sind." Sie betrachtete das alles verzückt. Auf einem Container stand "Lycraworld" drauf. "Schaut mal, ein Lycraworld-Container!" rief Oksana. "Was ist das?" fragten Lisa und Nereida fast synchron. Beide grinsten, als sie es merkten. Oksana antwortete: "Lycraworld ist ein deutscher Produzent von Kleidungsstücken aus Lycra. Es gibt die Firma noch nicht allzu lange, erst seit der Jahrtausendwende, jedoch sind sie gut am Wachsen." "Und wem gehört Lycraworld?" fragte Lisa. "Seinen richtigen Namen kennen nur die allerengsten Mitarbeiter. Sein Nickname ist hingegen bekannt. Er nennt sich 'lycwolf'." Ein Raunen ging durch die Menge, als der Klang des Namens nachhallte. Oksana fuhr fort: "Und Lycraworld betreibt auch noch eine Art Ferienpark, eine große Hotelanlage, wo man ihre Sachen verbunden mit einem Urlaub tragen und ausprobieren kann." "Das klingt ja interessant, das wär doch mal ein tolles Ziel", meinte Lisa. "Auf jeden Fall. Daran hatte ich auch schon gedacht. Nur bin ich arbeitslos und muss sparen. Ich kann mir keinen Urlaub leisten", dämpfte Oksana die Planungen. "Aber wir tanzen doch ab Montag zusammen, da kriegen wir dann viel Geld", strahlte Nereida. Dass gewöhnliche Balletttänzerinnen nicht zu den Großverdienern gehören, hatte Oksana ihrer Geliebten verschwiegen. Oksana war froh, als ich zu sprechen begann, da sie da nicht Nereida antworten musste. "Ich hatte übrigens in Lauras Lycra Laden ein paar Faltblätter mit der Aufschrift Lycraworld erblickt. Gerade als ich mal sehen wollte, worum es da ging, hatte Laura mich angesprochen und abgelenkt", erinnerte ich mich. "Ja, sie wird auch von Lycraworld beliefert und macht Werbung für die Firma", erklärte Oksana. Etliche Waggons weiter erspähte Nereida einen weiteren Lycraworld-Container. "Noch einer!" rief sie. Wir lächelten. Dann ging es wieder zurück. Auch die Rolltreppe hinunter war keine Hürde mehr für die galaktische Turnfee. Im Gegenteil, es gefiel ihr so gut, dass sie gleich nochmal hoch fuhr. Wir waren schon leicht genervt, kamen kaum hinterher, denn wir fühlten uns ja immer noch für sie verantwortlich. Mir wurde ein bisschen wehmütig zumute. Nereida hatte manchmal das Gemüt eines Kindes, wenn sie sich über etwas freute. Etwas, was uns erwachsenen Menschen zumeist abhanden gekommen war. Ich beschloss, das mal zu ändern. Zumindest was mich persönlich betrifft. Als wir alle wieder unten waren, ergriff ich Nereidas Hand, und meinte: "Komm, Nereida, wir fahren noch einmal!" "Ja!" rief sie begeistert, wir lächelten einander an und fuhren erneut hoch und runter, unter den strengen Blicken von Lisa und Oksana, die unten blieben. Unten angekommen, empfing mich Lisa mit den kühlen Worten: "Na, habt ihr Spaß gehabt, ihr zwei?" "Und wie! Hättest mal mitkommen sollen, dann hättest auch du Spaß gehabt, anstatt mürrisch zu schauen. Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht." Ihr Gesichtsausdruck sagte mir, dass sie drüber nachdachte. Ich war schon darauf gefasst, eine gesalzene Antwort zu bekommen. Stattdessen ergriff Lisa auf einmal Oksanas Hand und zog die Verblüffte auf die Rolltreppe. "Was ihr könnt, können wir schon lange!", rief sie. Lisa hatte sich also eines Besseren besonnen! "Komm, hinterher, Nereida!" rief ich. "Ja!" Zweimal fuhren wir alle noch mal hoch und wieder hinunter. Ein Grinsen lag auf unseren Gesichtern. Etwas später verließen wir den Bahnhof. War es im Bahnhof noch angenehm warm, wurden wir jetzt wieder mit der Hitze konfrontiert. "Lasst uns doch in die TuGa gehen! Im Park ist es ja auch heiß", schlug Oksana vor. "Was ist denn die TuGa?" fragte Lisa. "Die Tupfinger Galerie. Eine sehenswerte Kunstsammlung. Gleich um die Ecke. Dann lernt Nereida auch was über moderne Kunst kennen. Und es ist kühler da." Waren wir anderen anfangs nur semibegeistert, zog Oksanas Argument mit den kühlen Räumen. Erwartungsvoll machten wir uns auf den Weg. Die TuGa war ein stattlicher Bau, mit mehreren Etagen. Nur mäßiger Betrieb herrschte in der Kunstsammlung. Wie von Oksana vorausgesagt, war es angenehm kühl da drin. Bildhauerarbeiten waren genauso zu bewundern wie Aquarelle, künstlerische Fotografien, dreidimensionale Objekte. Teilweise ohne Sinn, auf den ersten Blick. Man muss sich eben darauf einlassen, um zu erkennen, was der Künstler damit ausdrücken will, dann sieht man das Kunstwerk mit anderen Augen. Nereida sog diese ganzen Eindrücke neugierig auf. "Gibt es auf R-Wi auch so was wie Kunstsammlungen?" fragte ich sie. Lisa und Oksana hörten ebenfalls zu. "Ja, aber nicht so wie hier. Wir sind zwar auch schöpferisch tätig, aber auf andere Art und Weise. Den Park der Wandelnden Schöpfungen hattet ihr auf eurer R-Wi-Reise nicht gesehen. Er ist vom Zweck hiermit in etwa vergleichbar, nur ist es nicht in einem Gebäude, sondern draußen. Und die Objekte dort sind viel größer als die Objekte hier. Und er ist nicht nur zum Angucken wie hier, sondern auch zum Mitmachen." "Ich glaube, ich möchte das auch irgendwann mal sehen, meine geliebte Turnfee." Oksana schaute Nereida sehnsüchtig an. Nereida schaute verzückt. In ihr keimte eine Idee. "Dazu habe ich auch Lust, Oksana", stimmte ich ihr zu. "Wie schön, dann können wir alle da ja mal hinreisen", strahlte Nereida. "Ist dort auch wieder alles nur aus Plastik?" fragte Lisa. Nereida stutzte, dachte an Lisas Plastik-Aversion und antwortete vorsichtig und wahrheitsgemäß: "Ja." Lisa schluckte, meinte dann: "Gut, ich weiß ja nun Bescheid. Aber wie das aussieht, würde ich auch gerne mal sehen." "Fein, dann sage ich Beata Bescheid. Wir geben euch dann Bescheid." Wir freuten uns. "Ich möchte jetzt noch zur Sonderausstellung, die wurde Anfang der Woche gerade neu eröffnet, kommt ihr mit?" rief Oksana. "Klar." In der Sonderausstellung machten wir große Augen. Sie lautete "Turnanzug-Kunst", von einem Künstler namens We Emkah aus Süddeutschland. Die Objekte hingen in großen Bilderrahmen. Als wir näher traten, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, staunten wir. Es waren tatsächlich Turnanzüge! Nur anders. Die Exponate bestanden genauer gesagt aus Gegenständen, die alle mal Turnanzüge gewesen waren, die We Emkah kunstvoll zerschnitten und neu arrangiert hatte. Hinter den Glasrahmen waren die Turnanzüge fixiert, in ihrem zweiten Dasein als Kunstobjekte. Wir staunten. "Wie gefallt dir das, Schatz?", fragte Lisa. "Ich finde es ungewohnt auf den ersten Blick, aber echt genial komponiert", meinte ich, "und dir?" "Hat eine ganz neue Ästhetik. Der Künstler hat's drauf!" meinte sie. "Ich hätte nicht gedacht, dass man Turnanzüge so veredeln kann", sagte Nereida, "mir gefällt das." Oksana las die Beschreibung vor: "Jeder Turnanzug hinter den Rahmen hier wurde tatsächlich auch im Sport und teils bei Wettkämpfen benutzt. Der Künstler hatte sie ersteigert, als die Turnerinnen die alten Anzüge übers Internet angeboten hatten. Mit Wissen der Verkäuferinnen hat er daraus diese Kunstwerke erschaffen. Mit freundlicher Erlaubnis aller Beteiligten ist diese Sonderausstellung zustande gekommen." Sie ergänzte: "Ich finde es fantastisch, so etwas zu machen. Allein die Idee ist super! Meine alten Turnanzüge landeten bei mir sonst im Putzeimer, wo sie ein wenig ruhmreiches Ende fanden." Wir anderen nickten. "Ich wollte eigentlich diese Tage ein paar alte Ballettanzüge wegwerfen. Nun denke ich, ich sollte mal abwarten und den Künstler kontaktieren. Vielleicht kann We Emkah auch was mit meinen alten Schätzen anfangen." "Ja, mach das, Oksana", ermutigte Nereida sie. Alle Exponate nahmen wir genau in Augenschein, erkannten teilweise noch die Hersteller der Turnanzüge und freuten uns. Das war ja mal eine echt packende Ausstellung! Glänzend und schön. Am Ausgang nahm Oksana noch eine der ausliegenden Broschüren mit, auf der auch die Kontakt-E-Mail des Künstlers abgedruckt war. Wir verließen die Ausstellung. Draußen war es nun erträglicher. Wir setzten uns in ein Café und genossen leckere Tortenstücke. Nereidas Bestellung, ein großes Stück Schwarzwälder Kirschtorte, war ein Volltreffer. Sie war nach den ersten Bissen schwer begeistert und wollte unbedingt noch ein weiteres Tortenstück. Wir ermahnten sie, erst mal aufzuessen. Sie musste uns danach zähneknirschend Recht geben, da sie dann satt war. Vom Bahnhof holten wir aus dem Schließfach unsere Einkäufe und fuhren vom gegenüber liegenden Busbahnhof zurück nach Obertupfingen. Während der Fahrt ließen wir den Tag Revue passieren, wie erfolgreich er für uns alle war. Neue Ballett- und Badekleidung, und die Turnanzug-Sonderausstellung waren die Höhepunkte. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag im Freibad von Obertupfingen, so wie wir das bei der letzten TuFiTa-Stunde schon besprochen hatten. Das erste Mal im Badeanzug im Freibad! Ein bisschen mulmig war mir dabei schon. Wie wird das wohl sein?


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